Morsbroicher Heimspiele

Das „Neue Rheinland“ gibt sich postironisch im Museum Morsbroich

Kippenberger ist tot, Polke ist tot. Es lebe die postironische Generation! Die jedenfalls ruft das Museum Morsbroich in Leverkusen aus, indem es 33 Künstlerinnen und Künstler, die immer noch und trotz alledem dem Rheinland verhaftet sind, zu einer Gruppenausstellung zusammenruft. Aber wer hätte je eine ironische Generation ausgemacht? Und was wäre das „alte Rheinland”?

 

Wenn es ein Datum gibt, das die hier versammelten „rheinischen” Künstler der Jahrgänge 1966 bis 1978 prägte und bewegt, dann ist es der 9. November 1989. Da fielen die Mauer in Berlin und der Eiserne Vorhang gleich dazu. Berlin wurde Hauptstadt eines wiedervereinigten Deutschlands - und in der Folge kam es zum „Hauptstadtumzug” von Bonn nach Berlin. Die Anziehung Berlins zumal auf junge Künstler, ihre Galeristen, Sammler und den gesamten Kunsttross übertraf alle Erwartungen. Genau die „Generation” Künstler, die im Museum Morsbroich jetzt als „postironisch” vorgestellt wird, ist scharenweise nach Berlin aufgebrochen, um dort eine neue Kunsthauptstadt von wahrlich internationaler Ausstrahlung aufzubauen. Wenn es also eine Wendemarke für diese Künstlergeneration gibt, dann ist es 1989. Die Welt hat sich bewegt. Mit `89 bricht eine andere Zeit, eine andere Epoche an - und wer hätte das im Rheinland, zumal in der Kunstszene, nicht deutlich gespürt! Leverkusen liegt von Bonn kaum 30 Kilometer weit entfernt und die einst führende Kunststadt Köln, die vom Sog Berlins auch zwanzig Jahre post noch immer ausgezehrt wird, liegt nur einen Katzensprung weg.

 

 

Jetzt also heißt es „Neues Rheinland”. Den Obertitel werden die Kuratoren, Museumsdirektor Markus Heinzelmann und Stefanie Kreuzer, ihrer Leistungsschau mit Bedacht verpasst haben. Klingt nach Aufbruch und auch schön trotzig: Hoppla, wir leben noch! Ein wenig nach Waschmittelwerbung und ein wenig politisch, überdies kunsthistorisch versiert. Gab es da doch nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in Düsseldorf eine verzweifelte Künstlergruppe „Junges Rheinland”. Eine etwas verspätete Sezession der Rheinprovinz nach Berliner Vorbild. Deren Stammgalerie hieß „Mutter Ey” und nicht „Der Sturm” wie in Berlin.

 

“Neues Rheinland” - Eine kuratorische Erfindung. Ein magerer Marketingversuch der Leverkusener Museumsleute. Da wird herausposaunt, was sich aus Künstlersicht gar nicht ereignet. Nichts da von Generationsgeraune. So wird viel Pulver verschossen, die Wirkung aber dürfte die eines Tischfeuerwerks sein.

 

Zweifellos wäre es an der Zeit, da der Boom in Berlin in die Jahre gekommen ist, kein Stadtschloss gebaut wird, die Temporäre Kunsthalle im Desaster endete und auch Wowereits Berliner Kunsthalle am Humboldthafen eher ein flüchtiger Wahlkampfcoup zu werden verspricht, die Berliner Galerienszene ihre erste ernste Krise erlebt, im Westen einmal herauszustellen, was sich an bemerkenswerten künstlerischen Qualitäten auftut. Allerdings keine Nabelschau und keine Heldenverehrung, wie es erst jüngst wieder durch museale Präsentationen versucht worden ist. Gerade nicht wieder jene Oldstars präsentieren, die in ihren angestammten Quartieren geblieben sind, wie jüngst in der Bonner Ausstellung „Der Westen leuchtet”, oder bei der Düsseldorfer Quadriennale geschehen. Was fehlt, ist eine auf internationale Wirkung ausgerichtete Trendschau, die vor Augen führt, was hier abgeht und selbstverständlich von hier aus die Impulse in die Welt bringt.

 

Die Frage ist doch, wer von der jüngeren Generation in den einstigen Hochburgen Köln und Düsseldorf nach 1989 überhaupt das Potential zu einer internationalen Karriere besitzt? Oder wirkt und werkelt man hierzulande abgeschnitten vom internationalen Geschehen und versinkt bald wie ehedem im Provinziellen? Meint das „Neues Rheinland”?

 

Es lebe die freiwillige Selbstbeschränkung! Die neue Materialtreue und postironische Bescheidenheit! Es lebe die neue Rheinprovinz! Eine Konkurrenz zu Berlin wird in Leverkusen jedenfalls gar nicht erst aufgenommen. Das Bannwort Berlin wird im Katalog mit keiner Sterbenssilbe erwähnt. So wirkt der Morsbroicher Appell eigentümlich mutlos und verzagt. Die Generation nach ´89 wird als postironische Generation entpolitisiert, gleichzeitig aber als „Neues Rheinland” abgefeiert.

 

Rheinischer Meister will aber niemand werden. Es geht vielleicht gar nicht um “Rheinland”. Es sei denn, man hat schon zurückgesteckt. Dann wäre das alte Schlossmuseum in Leverkusen-Schlehbusch, die gute Stube der rheinischen Avantgarde, gerade der rechte Fleck.

 

Was hat es aber mit dem Ausrufen einer „postironischen Generation” auf sich? Die eingeladenen Künstler - einige haben sich verweigert - sind zwischen 1966 (Björn Dressler, Guido Münch und Paloma Varga Weisz und 1978 (Monika Stricker, Sebastian Freytag und Manuel Graf) geboren, mithin zwischen der Kanzlerschaft von Ludwig Erhard der von Helmut Schmidt. Oder zwischen dem legendären Konzert von Nam June Paik und Charlotte Moorman in der Aula der Kunstakademie Düsseldorf und dem Aufkommen der Neuen Deutschen Malerei, zwischen der Gründung des Vereins progressiver Kunsthändler in Köln und sagen wir, der documenta 6 unter Leitung des Kölners Manfred Schneckenburger.

 

Was aber verbindet diese Jahrgänge heute? „Die neue Aufrichtigkeit”, von der Markus Heinzelmann schreibt? Oder der gar der „Mut”? - „Es gehört Mut dazu, das Material wieder ernst zu nehmen und scheinbar altmodische Materialien wie die Keramik wieder auszuprobieren, Scherenschnitte anzufertigen, die Pigmente für seine Farben selbst auszugraben und anzumischen oder einen Song von Udo Jürgens in seinen Filmen einzubauen - und das nicht ironisch zu meinen.”

 

Bei so viel Mut, kann man auch gleich in Ehrfurcht erstarren. Aber wirkt der Rekurs auf soviel ehrliches Handwerk und althergebrachte Technik nicht vielleicht auch hausbacken und abgestanden? Zur Erinnerung: Als Thomas Schütte 1992 seine ersten Keramiken auf das Vordach des Kaufhauses Leffers gleich neben dem Kassler Fridericianum platzierte, trugen die bunten Keramikfiguren nicht nur Einkaufstüten, sie transportierten ein aktuelles Thema: „Die Fremden” sind unter uns. Wenn wir aber heute auf Schloss Morsbroich in einem zentralen Saal den Keramikfiguren der Paloma Varga Weisz begegnen, dann wirkt das eben weniger mutig als bestenfalls anmutig.

 


Thomas Schütte: Die Fremden 1992, Keramik glasiert, lebensgroß | documenta IX, Kassel 1992

 

Thomas Schütte: Die Fremden 1992 | documenta IX, Kassel 1992 | Photos: Nic Tenwiggenhorn/VG Bild-Kunst

 

 

Spielte Schütte mit seinen Außenfiguren noch ein bis heute brisantes politisches Thema, wird man solche Einlassungen in Leverkusen weithin vermissen. Mit der Rückbesinnung auf Handwerk und Aufrichtigkeit aber gleich jedwede brisanten Inhalte zu vermeiden, grenzt an Selbstbespiegelung und Selbstverharmlosung. Allein Gregor Schneider, der bei weitem bekannteste Künstler dieses „Neuen Rheinlands”, hat sich einen Platz im Außenbereich des Museums gesichert. Hier stellt er in Nachbarschaft zu den winterfest gemachten Sonnenschirmen im Schlosspark einen überdimensionalen „Katzenbaum” auf. Eine überraschende skulpturale Geste. Eine autonome Setzung in Erinnerung an Ready Made und Popart. Für Hauskatzen viel zu groß. Man erwartet mindestens einen Tiger, gar einen Löwen, der dort oben seinen Posten bezieht. Doch der Katzenbaum bleibt leer.

 

Von Medienkunst, einem der bestgeförderten Sparten im NRW-Land, ist in Leverkusen wenig zu sehen. Die drei, vier gezeigten Videoarbeiten spielen bestenfalls eine Nebenrolle. Auch von Fotografie kaum eine Spur und selbst die hierzulande heftig gepflegte Malerei kommt nicht zur Entfaltung. So bleibt den plastischen Arbeiten der Vortritt. Die Eckräume von Jan Albers und Markus Karstieß, der Tobias Brüder und der von Felix Schramm deuten das große Potential an. Dazu die provozierend lakonische Setzung von Jan Scharrelmann und die anspielungsreiche Wand-Bodenarbeit von Diango Hernández. Dazwischen viel postironisches Gewerkel.

 

Die Heinzelmännchen waren emsig. Da macht die alte Frau in der Nacht das Licht an und siehe da, der ganze Zauber fliegt auf. „Ach, daß es noch wie damals wär! / Doch kommt die schöne Zeit nicht wieder her!”

 

 

C. F. Schröer

 

 

NEW FRANKFURT INTERNATIONALS | STORIES AND STAGES  (11. Dez. 2010 - 13. Feb. 2011)

 

Das Projekt ist eine Kooperation zwischen dem Frankfurter Kunstverein, dem MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main und der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste - Städelschule. Es möchte dem großen künstlerischen Potential der Stadt Frankfurt und der Rhein-Main-Region Rechnung tragen und präsentiert Werke von jungen Künstlern, die hier leben und/oder studiert haben und inzwischen zu den „new internationals” im Kunstbetrieb gehören.

 

„New Frankfurt Internationals: Stories and Stages” präsentiert Arbeiten von Katinka Bock, Shannon Bool, Michele Di Menna, Thomas Erdelmeier, Ximena Aburto Felis, Carsten Fock, Dani Gal, Heike Gallmeier, Murray Gaylard, Nathalie Grenzhaeuser, Mauricio Guillén, Janus Hochgesand, Leonard Kahlcke, Daniel Kannenberg, Thomas Kilpper, Dirk Krecker, Maria Loboda, Shane Munro, Marina Naprushkina, Martin Neumaier, Sarah Ortmeyer, Anny und Sibel Öztürk, Mario Pfeifer, red park, Claus Richter, Michael Riedel, Dan Starling, Rebecca Ann Tess, Nina Tobien, Tris Vonna-Michell, Jeronimo Voss, Eva Weingärtner, Adrian Williams, Barbara Wolff, Leo Wörner, Holger Wüst, Naneci Yurdagül.

 

21.06.2011 09:52 (Kommentare: 0) | Weiterempfehlen

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